Eingewöhnung in San Ignacio

Angekommen im Projekt

Benjamin Freytag

12/16/20246 min lesen

San Ignacio de Velasco liegt im Tiefland in der sogenannte Chiquitania. Die Gegend heißt deswegen so, weil es hier sehr viele kleine Pueblos mit wenigen hundert, wenn nicht sogar weniger Einwohnern gibt. San Ignacio ist hier die größte Stadt mit ca. 30.000 Einwohnern. Für manche hier ist San Ignacio trotzdem so klein, dass es nicht als Stadt angesehen wird. Gerade beim Weg runter nach Cochabamba merkt man schnell den Temperaturunterschied. Während es in Cocha Nachts deutlich kälter wird und es tagsüber auch nur in der Sonne warm ist, ist es hier wirklich immer warm, es sei denn es regnet stark (so ist es auf jeden Fall jetzt im Sommer, wie es im Winter wird, kann ich erst in einigen Monaten sagen). Gerade die ersten Tage waren daher wirklich gewöhnungsbedürftig, weil ich die ganze Zeit nur am schwitzen war.

San Ignacio de Velasco

Das Zentrum von San Ignacio ist ein wirklich schöner Platz mit guten Restaurants drum herum und einer Kathedrale, die hier in der Gegend sehr bekannt ist. Beobachtet man den Verkehr, sieht man vor allem Motos, die hier von den Bewohnern von 2 7hauptsächlich benutzt werden. Öffentliche Verkehrsmittel wie Busse oder Trufis gibt es hier nicht. Allerdings gibt es viele Mototaxis, die einen für 3 Bolivianos, also ca. 50 Cent an jeden Ort der Stadt bringen. Gerade an sehr sonnigen und warmen Tagen nehme ich dieses Angebot gerne in Anspruch.
Viele Straßen sind hier nicht geteert, sondern einfach nur aus Sand, was natürlich am Anfang auffällt, aber man gewöhnt sich schnell daran. Allerdings, sind die Straßenränder häufig sehr dreckig, ungepflegt und voller Müll. Auch bei Regen verläuft die Straße einfach, wodurch die Bolivianer bei Regen in der Regel einfach zu Hause bleiben.
Bei unserer Ankunft lernten wir Mateo kennen, der erste Freiwillige aus der Slowakei, der in San Ignacio ist. Damit waren wir also zu dritt im Internat. In den ersten Tagen liefen wir viel in der Stadt herum, um eine Orientierung zu bekommen, was wirklich schwierig ist, weil hier wirklich viel einfach gleich aussieht, gerade am Anfang. Was die ganze Angelegenheit noch schwieriger machte, war der Rauch, der durch die vielen Waldbrände in Bolivien verursacht wurde. Nach einigen Tagen habe ich wirklich Masken getragen, weil ich von dem Rauch krank wurde. Ich bekam husten, Kopfschmerzen und eine laufende Nase. Mit Beginn der Regenzeit Ende Oktober wurde es 3 MaZ y nada mas dann aber endlich besser. Inzwischen gibt es gar keinen Rauch mehr. Das Internat in dem wir leben ist in zwei Häuser aufgeteilt. Das Casa San José für die Jungs und das Casa Guadalupe für die Mädchen. In beiden Häusern wohnen jeweils 15 Kids. Matteo und ich leben im Casa San José und haben jeweils ein Einzelzimmer. Clara hat ein Einzelzimmer im Casa Guadalupe. Die Nachmittage und Abende verbrachte ich vor allem mit den Jungs, um sie besser kennenzulernen. Aber einfach darauf lossprechen klappte auch irgendwie nicht. Ich konnte zwar schon ganz gut spanisch, aber in der Chiquitania haben die Leute einen wirklich starken Akzent. Viele Wortteile werden verschluckt oder vernuschelt und gleichzeitig sprechen viele sehr schnell. Und ich wusste auch nicht, über welche Themen ich sprechen sollte. Daher half es gerade in den ersten Wochen, dass Matteo dabei war und sich schon mehr an den Akzent gewöhnt hatte.
In den ersten Tagen vielen auch schnell viele Unterschiede zu Cochabamba auf, im Hinblick auf die Stadt selbst, aber auch auf die Erlebnisse, die man als Freiwilliger haben wird. Dadurch, dass wir hier 3 MaZ y nada mas (so heißt unsere Whatsapp-Gruppe) sind, ist man hier automatisch viel mehr im typisch Bolivianischen Leben drin, als man es in Cocha mit eigener Wohnung und großem Freiwilligen-Umfeld ist. Natürlich kann man sich auch hier zurückziehen und wenn man z.B. im Internet unterwegs ist, ändert sich kulturell erstmal nichts, aber die Erfahrung ist meiner Meinung nach trotzdem sehr unterschiedlich im Vergleich zu Cochabamba. Im späteren Gespräch mit Freiwilligen aus Cochabamba habe ich auch die Reflexion gehört, dass manchen vielleicht sogar ein wenig bolivianische Kultur fehlt, und man zu sehr in seiner Freiwilligen-Bubble ist.

Der Alltag

Hier ist jeder Tag anders und oft gibt es spontane Dinge, die anders sind als geplant. Aber der grobe Tagesablauf, der immer ähnlich ist, sieht so aus: Montag bis Freitag haben die Kids Schule. Sie stehen um 5:30 Uhr auf und müssen als erstes einige Arbeiten erledigen. Im Internat ist viel zu tun und bis auf einige Ausnahmen, z.B. Stromleitungen, machen die Kids alles selbst. Da auch Gemüse im Garten angepflanzt wird, ist viel zu tun. Ich gehe meistens Richtung 6:30/7 Uhr zur Parroquia und gieße dort die Pflanzen. Um 9 Uhr beginnen dann wir Freiwilligen zusammen mit den Betreuerinnen zu kochen, damit es dann, wenn die Kids aus der Schule kommen, um 12:30 Uhr Mittagessen gibt. Nachmittags haben die Kids meistens auch Unterricht, wodurch wir Freiwilligen diesen Zeitraum sehr frei gestalten können. Mal ruhen wir uns aus, mal backen wir etwas, oder wir bereiten Präsentationen vor, um den Kids z.B. etwas über unsere Herkunftsländer zu erzählen. Abends helfen wir dann bei den Hausaufgaben. Meistens bis 22 Uhr. Samstags sind oft viele Treffen in der Pfarrei. Jeden Samstag gibt es einen Jugendtreff, der von einem der älteren Jungs aus dem Internat geleitet wird. Dort können wir uns aktiv in die Gestaltung einbringen. Einmal im Monat gibt es auch ein Treffen der älteren Mitglieder der Gemeinde. Es wird etwas gebastelt, Bingo gespielt und etwas gegessen. Es macht immer sehr Spaß, Zeit mit den Älteren Menschen zu verbringen, weil sie für unsere Arbeit sehr viel Wertschätzung zeigen. Sonntags geht es morgens in die Kirche. Den Rest des Tages haben die Jungs frei. Abends schauen wir meistens gemeinsam einen Film. Wie bereits erwähnt, ist ein großer Teil des Alltags sehr spontan. Uhrzeiten ändern sich nach vorne oder nach hinten. Ausflüge, z.B. zur Estancia ergeben sich kurzfristig, und das sind nur einige Beispiele. Das ist für mich noch gewöhnungsbedürftig. Auch ist es gewöhnungsbedürftig, im Projekt zu leben. Gerade am Anfang war es schwierig, weil man keinen richtigen Rückzugsort außer das überhitzte Zimmer hat. Inzwischen komme ich damit aber gut klar. Natürlich nervt es manchmal, dass man, sobald man das Zimmer verlässt beobachtet wird. Gerade Kids in diesem Alter sind natürlich neugierig. Trotzdem merke ich, dass es mir gut tut, ständig unter Leuten zu sein, auch wenn es manchmal sehr anstrengend ist. Manchmal brauche ich Tage, an denen ich mich einfach nur zurückziehe, aber auch das ist denke ich total normal.

Die Estancia

Die Estancia San Jose, die Verbo Divino gehört, ist 1.000 Hektar groß und für Bolivianische Verhältnisse immer noch sehr klein. Dort sind wir schon einige Tage gewesen, und haben bei der Arbeit mit den Kühen, beim Ausmessen von Feldern oder beim Füttern der Bienen geholfen. Um dorthin zu gelangen, fährt man ca. eine Stunde durch Waldgebiet, gerade in der Nacht ist das ein Erlebnis, weil man Viecher sieht, die man noch nie gesehen hat. Weil die Fahrt so weit ist, bleiben die Padres oft über Nacht, um früh morgens, bevor die Sonne knallt, schon arbeiten zu können. Vor guten 2 Wochen haben Clara und ich das erste Mal in der Estancia übernachtet. Und ich muss sagen, das war meine bisher schlimmste Nacht in Bolivien. Einerseits hatte ich wohl nicht genug getrunken, und hatte deswegen wegen Dehydrierung starke Kopfschmerzen. Während der Nacht kam dann noch Übelkeit dazu. Es stellte sich heraus, dass ich wohl zusätzlich noch eine Lebensmittelvergiftung hatte. Als wäre das nicht schon genug, hatte ich dann auch noch nachts eine Ratte in meinem Zimmer, die sogar mein Bett hinaufgeklettert ist. Also ja, eine echt schlechte Nacht. Was aber sehr cool an der Estancia ist, ist der Plan, den die Padres haben. Neben dem Fakt, dass die Estancia unter anderem das Internat mit Lebensmitteln versorgt, ist sie ein Umweltprojekt. Ein großer Teil des Grundstücks ist nicht bewachsen, was die Padres ändern wollen. Dieses Aufforstungsprojekt soll unter anderem durch Spenden von Leuten finanziert werden, die z.B. den CO2-Ausstoß von Flügen kompensieren wollen. Das finde ich sehr unterstützenswert.
Inzwischen hat sich unser Alltag geändert. In den letzten Tagen sind die meisten Kids von ihren Eltern abgeholt worden, weil jetzt die Weihnachts- und Sommerferien begonnen haben. Hier haben die Ferien aber eine andere Bedeutung als in Deutschland. Viele Kinder müssen Zuhause arbeiten oder im Haushalt helfen. Ich muss sagen, für mich ist es immer noch sehr komisch, bei über 30 Grad bald die dritte Kerze vom Adventskranz anzuzünden. Richtige Weihnachtsstimmung kommt hier nicht auf. Am großen Zentralen Platz in San Ignacio ist einiges Dekoriert, aber bei uns im Haus nicht. Trotzdem werden wir hier bestimmt eine schöne Weihnachtszeit haben, auch wenn es ganz anders sein wird.

Feiertage